Waldwichtel

Gartenwichtel

„Wichtel“ kommt von wichtig

Heute möchte ich Naturwesen vorstellen, von deren Existenz ich vor meinen Besuchen in der Anderswelt nichts wusste: Die Waldwichtel.

Der Begriff „Wichtel“ ist allgemein verbreitet und kommt häufig in Bilderbüchern vor, man hört von Weihnachtswichteln, Hauswichteln und in Kindergärten gibt es Wichtelgruppen, um nur einiges zu nennen. Mit dem Begriff „Wichtel“ verbindet man eine kleine Größe und oft werden sie auch als Zwerge oder Heinzelmännchen bezeichnet. Doch wie sind die Wichtel wirklich, welche Aufgaben haben sie, wie leben sie? Bei der Begegnung mit den Waldwichteln konnte ich einige dieser Frage klären – und war sehr erstaunt.

Meine Begleiter und ich trafen die Waldwichtel auf einer Lichtung. Ein Zug aus vielen kleinen Wesen kam angetrippelt. Die Waldwichtel sind sehr klein und eine bunte Schar. Sie werden von einem Wichtel angeführt, der etwas größer ist als die anderen und kugelrund. Er ist der König der Waldwichtel. Alle Wichtel sind in Grün gekleidet, sogar ihre Hüte sind Grün. Sie haben sie so keck aufgesetzt, wie man es manchmal auf alten Bildern von jungen Jägern sieht. „Das ist unsere Festtagskleidung,“ erklärt der Erste Minister des Königs.

Der König stellt sich vor: „Ich bin Theodor der I., König der Waldwichtel in ganz Europa. Wir sind eine Monarchie. Ich bin der oberste Herr, unter mir sind Herzöge und Fürsten, die die einzelnen Länder regieren. Das Volk will keine andere Staatsform, denn der Prunk und die Pracht machen ihm Spaß. Wir Waldwichtel sind ein lustiges Völkchen, haben gern Spaß, etwas zu lachen und viel zu schauen. Wir verrichten schwere Arbeit, sie geht lachend einfacher von der Hand. Ihr seid zu ernsthaft. Lacht mehr, das hebt die Stimmung und macht die Arbeit leichter.“

Theodor I. stellte uns dann seine Gattin vor. Sie ist bildschön, ihre goldglänzenden wallenden Haare reichen fast bis zu den Füßen, das grüne Kleid ist in der Taille mit einem Gürtel gebunden und sie trägt eine prachtvolle Krone. Das Schönste an ihr sind die Augen und das Lächeln. Darin ist kein Falsch, aus ihr strahlen Liebe und Güte.

Man sieht und spürt, dass sich der König und die Königin von Herzen lieben.

„Ja“, sagt der König, „wir sind in Liebe miteinander verbunden. Die reine Liebe schaut nicht auf das Äußere, sie schaut nur auf das Innere. Das habt ihr Menschen verlernt. Für euch spielt das Äußere die Hauptrolle.“

„Die Königin hat mich nicht gewählt, weil ich König bin, sondern weil sie durch meine Figur hindurch in mein Herz gesehen hat und mich liebt. Ich habe auch in ihr Herz geschaut, denn eine schöne Erscheinung kann täuschen, dahinter können sich die bösesten Menschen verbergen. Dass die Königin bildschön und zugleich gut ist, ist eine wunderbare Kombination. Aber ich hätte sie auch genommen, wenn sie nicht so hübsch wäre, denn die wahre Schönheit zeigt sich nicht im Angesicht. Das muss der Mensch wieder lernen. Wenn er nur auf Äußerlichkeiten achtet, läuft er den falschen Menschen und Gegenständen hinterher. Er muss hineinschauen. Das ist eine Botschaft, die ich euch für die Menschen mitgeben möchte: Schaut auf das Innere und nicht das Äußere, dann erst erschließt sich euch der Wert eines Menschen oder einer Sache.“

 Nach einer nachdenklichen Pause fragt uns der König:Was wisst ihr über die Waldwichtel?“

„Ich weiß gar nichts“, gebe ich zu, „aber ich möchte gern wissen, was Wichtel sind und welche Aufgaben sie haben.“

Wichtel sind kleine Wesen“, beginnt der König zu erklären, „sie tragen meistens einen Hut und sind lustig, wenn sie schwere Arbeit verrichten. Die Wichtel sind ein sehr bevölkerungsreiches Volk.“

„Gibt es nur die Waldwichtel?“

„Nein, es gibt sehr viele Arten wie Hauswichtel, Feldwichtel … Wichtel sind keine Kobolde, sondern ein Volk mit eigenen Aufgaben, Eigenarten, eigenem Charakter und Wesen.“

„Gibt es auch andere Namen für die Waldwichtel?“

Es gibt sehr viele Namen, zum Beispiel Moosmännchen, Kauze, Käuzlinge, Laubwichtel, ach … Manche sagen zu uns auch Zwerge oder Kobolde, die kennen sich nicht mehr aus. Wir selbst nennen uns Waldwichtel.“

„Wichtel bedeutet nicht, dass wir klein sind, sondern dass wir wichtig sind, weil wir für das Leben im Wald sorgen. Das Wort hat sich später für alle kleinen Wesen eingebürgert. Es kommt aber von wichtig.“

„Welche wichtigen Aufgaben haben Waldwichtel?“

„Im Wald achten wir auf die Bäume, Pflanzen und Tiere, wir hegen und pflegen sie. Wir versorgen sie mit Hilfe der Elfen mit Energie. Wir putzen die Wurzeln der Bäume und Pilze, denn im Wald rieseln ständig Tannennadeln und Blätter auf den Boden. Wenn sie liegen bleiben, nehmen sie den Bäumen, Pilzen und allen Pflanzen im Wald die Luft. Wir putzen sie, damit sie wachsen und gedeihen, um Mensch und Tier als Nahrung zu dienen. Stelle dir vor, auf einen Pilz fallen ständig Blätter, die niemand wegnimmt, er erstickt doch. Das Gleiche gilt für alle Pflanzen im Wald. Wir sind im Grunde genommen eine Putzkolonne.“

„Haben Frauen und Männer die gleichen Aufgaben?“

„Unsere Frauen putzen den Wald wie die Männer, aber zusätzlich kümmern sie sich um unsere Kinder und Nahrung. Du denkst sicherlich, dass sie dadurch doppelt, wenn nicht sogar dreifach belastet sind, aber so ist das nicht. Sie arbeiten im Wald nur etwa ein Drittel der Zeit, die Männer dort verbringen, in der restlichen Zeit widmen sie sich ihren anderen Aufgaben. Wir leben nicht auf Kosten der Frauen und lassen uns nicht von ihnen bedienen.“

Als Nächstes wissen, wo die Wichtel im Wald wohnen.

„Wir haben keine feste Wohnung, sondern ziehen als Gruppe durch den Wald. Wenn wir müde sind, legen wir uns auf einen Grasteppich und der Mond und die Sterne decken uns zu. Wir brauchen keine Wohnung, auch nicht im Winter, wir sind immun gegen Kälte und Hitze. Nur die Sonne schadet uns ein wenig, deshalb tragen wir einen Hut. Unsere Frauen haben Wägelchen für das Kochgerät und die kleinen Kinder. Wenn der Weg schwer ist, helfen wir den Frauen beim Ziehen.“

„Wir führen ein Vagabundenleben, das ist ein schönes, freies Leben. Wir haben feste Routen, die wir abgehen, um den Wald zu reinigen. Manchmal bittet uns Mutter Erde, von der Route abzuweichen und woanders zu putzen. In einigen Regionen gibt es nicht mehr viele Waldwichtel, weil die Menschen sie vertrieben haben. Manche resignieren und gehen in die Anderswelt – und die Wälder sterben. Als wenn ihr Menschen nicht schon genug Wälder vernichtet, verdorren auch die, aus denen ihr die Wichtel vertreibt. Ihr sägt an dem Ast, auf dem ihr sitzt, denn Wälder sind die grüne Lunge der Erde. Aber das wisst ihr selbst.“

„Du hast vorhin gesagt, dass ihr eine Monarchie seid mit Fürsten und Herzögen unter dir. Über welche Gebiete herrschen sie?“

„Die Gebiete, in denen unsere Fürsten und Herzöge regieren, entsprechen in etwa euren Staaten. Wir richten uns bei der Grenzziehung jedoch nach der Natur. Wenn eure Grenze zum Beispiel mitten durch den Wald verläuft, halten wir uns nicht daran, sondern ziehen die Grenze, wo der Wald endet. Wir zerschneiden keine zusammenhängenden Gebiete, aber sonst stimmen die Grenzen in etwa überein.“

„Wie stehen Waldwichtel zu den Menschen?“

„Das ist unterschiedlich, es kommt auf die Menschen an. Wenn wir im Herzen des Menschen sehen, dass er gut ist, stehen wir gut mit ihm, wenn wir sehen, dass er böse ist, meiden wir ihn und machen einen großen Bogen. Die meisten Menschen sind weder gut noch böse, sie sind uns gleichgültig.“ …

„Alle Führer im Waldwichtelreich legen Wert darauf, dass die kleinen Waldwichtel etwas lernen, arbeiten, lachen, tanzen, glücklich sind. Es geht nicht darum, Schätze zu erwerben, sondern darum, einen guten Dienst an der Natur zu leisten. Wir lieben die Bäume, den Wald und möchten, dass es ihnen gut geht. Wer den Wald liebt und ein gutes Herz hat, ist uns immer willkommen.“

„Macht ihr euch manchmal den Menschen bemerkbar?“

„Es gibt Situationen, in denen wir uns bemerkbar machen. Es kommt darauf an, ob wir den Menschen necken wollen oder ihn sympathisch finden. Wenn wir jemanden ärgern, stellen wir ihm ein Bein, ziehen an der Hose oder machen sonst etwas, damit er sich gruselt. Wir möchten manche Menschen nicht im Wald, weil sie Unfug treiben. Sie entzünden Feuer, werfen Unrat weg … Sie sollen sich gruseln, damit sie so schnell nicht wiederkommen. Bei manchen hat es Erfolg.“

„Einmal ist ein Wichtel unter einem Bettlaken erschienen, der Mensch hat gedacht, er sieht ein Gespenst und ist schreiend davongerannt. Der ist nie wiedergekommen.“ Der König lacht.

„Es gibt auch Menschen, die wir lieben und die beschenken wir hin und wieder. Dann liegt etwas auf dem Weg, worüber sich der Mensch freut, eine Feder, ein Stein, ein Zapfen … Wir arbeiten in dieser Beziehung eng mit den Waldelfen zusammen, überhaupt mit allen guten Wesen. Das ‚Gut‘ habe ich betont, denn es gibt im Wald auch andere, vor denen man sich hüten sollte.“

„Du kannst es nicht vermeiden, den dunklen Wesen im Wald zu begegnen, aber nimm sie nicht zur Kenntnis, wenn du sie spürst. Schenke ihnen keine Aufmerksamkeit, denn dadurch werden sie stärker.“

Nach einer längeren Pause wechsele ich das Thema. „Glaubt ihr an Götter, zu wem betet ihr?“

„Wir glauben an Götter und es gibt viele, zu denen wir beten – je nachdem, was wir möchten. Über allem steht die Große Mutter, die für uns Unerreichbare.“

„Nun die letzte Frage: Habt ich eine Botschaft an die Menschen?“

Einiges habe ich schon gesagt. Geht achtsam um mit allem, was in der Natur ist. Seid nicht gleichgültig, beginnt wieder zu lieben, zu lachen, fröhlich zu sein, bewusst zu leben, nicht bewusst nach Geld zu streben, sondern bewusst zu leben. Das ist ein Unterschied. Schaut in die Herzen von Mensch und Tier und lasst euch nicht blenden vom Äußeren.“

„Wenn ihr in den Wald geht, bringt den Waldwichteln etwas mit. Streut etwas hin, ein paar Kekskrümel zum Beispiel oder ein bisschen Mehl. Wir freuen uns darüber, denn es ist eine Aufmerksamkeit und wir wissen, dass wir willkommen sind und unsere Arbeit gewürdigt wird. Wenn ihr in den Wald geht, dankt dem Hüter, dass es diesen Wald noch gibt. Manche von euch bitten um Erlaubnis, den Wald zu betreten, das muss nicht sein, aber der Dank sollte sein – an den Hüter und alle Wesen, die für den Wald sorgen.“

„Noch eine Bitte: Wenn ihr im Wald wandert, geht achtsam mit ihm um und denkt daran, dass überall die Wichtel sind. Bleibt am besten auf den Wegen, das ist wichtig für den Wald, die Tiere und Pflanzen …“

Teile des Textes wurden auszugsweise dem Buch „Elfen, Götter, Feuergeister“ entnommen.

(Da ich noch keine Waldwichtel fotografiert habe, zeigt das Foto zum Artikel einen Gartenwichtel, der sich bei mir im Garten gezeigt hat.)

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