Riesen

Thingstätte

Rund um den Erdball werden Mythen und Märchen über Riesen erzählt. Haben solche Wesen wirklich einmal die Erde bewohnt? Da meiner Meinung nach in Märchen immer ein Körnchen Wahrheit steckt, schien es mir sehr wahrscheinlich. Aber waren die Riesen wirklich so, wie die Märchen erzählen? An ihnen wird oft kein gutes Haar gelassen und sie werden als dumm und bösartig dargestellt.

Auf einer meiner Reisen in die Anderswelt habe ich einige Antworten auf meine Fragen erhalten. Ich war zu Gast bei den Riesen. Als Gastgeschenk hatten sie um sieben Mal sieben Wanderstöcke gebeten und diese Wanderstöcke hatten beträchtliche Ausmaße.

Nach der Ankunft erwarteten mich und meine Begleiter drei Riesen: Vater, Mutter und Kind.

Die Erwachsenen sind drei bis vier Meter hoch, aber ich habe das Gefühl, dass sie sich für uns klein gemacht haben. Das Kind ist etwa zwei Meter fünfzig. Sie haben rote Wangen.

„Wir begrüßen dich im Land der Riesen. Es war lange Zeit kein Mensch bei uns.“

Ich danke für die freundliche Begrüßung und überreiche den Riesen ein Eselgespann, mit dem ich die Wanderstöcke transportiert habe.

„Wie schön, Wanderstäbe für unser Volk und einen Esel, den wir so dringend für ein paar Arbeiten brauchen, für die unsere Hände zu groß sind und bei denen unsere Füße ungewollten Schaden anrichten.“

„Wir sollen dich dorthin führen, wo man auf dich wartet. Ich glaube, wir nehmen euch auf den Arm, sonst geht das zu langsam, ihr habt so kurze Beine.“

Sie tragen uns in ein Tal, in dem Wasser plätschert. Auf einer Wiese setzen uns die Riesen auf die Füße. Zahlreiche Steine stehen im Kreis, die den Riesen als Stühle dienen. Wir sind auf ihrem Versammlungsplatz.

„Wir sind in unserer Gruppe nur noch sieben“, sagt der Riese, „früher waren wir mehr. Ein Paket Wanderstäbe ist für uns, aber es gibt noch mehr Riesen. Sie sind, wie wir, sieben in der Gruppe. Wir werden die anderen Pakete an sie weiterreichen.“

„Drei von euch habe ich schon gesehen, wo sind die anderen vier?“, frage ich interessiert.

Ein uralter, gebückt gehender Riese erscheint, der sich auf einen Stock stützt. Er ist der Chef der Gruppe, der Druide, der Zauberer. Er setzt sich auf den Stein in der Mitte. Wer kommt noch? Ein junger Riese ist der Nächste. Er tanzt und wirkt dabei ein wenig tollpatschig, fast wie ein Tanzbär. Seine Kleidung ist bunt und die Hose mit Flicken übersät. „Das ist mein ältester Sohn.“ Er setzt sich hinter den Alten und ich richte meine Aufmerksamkeit auf ein kleines Mädchen, das sofort zu seiner Mama rennt. Es muss noch sehr jung sein, denn es ist kleiner als ich und lutscht auf dem Daumen. Der Kleinen folgt ein schon älteres, hübsches Mädchen. Die junge Dame hat sich schön gemacht. Sie setzt sich zu dem jungen Mann. Jetzt sind sie sieben. Aber da kommt noch jemand. Er trägt wallende, weiße Gewänder, ist größer als alle anderen und wird immer größer … Er ist der Häuptling aller Riesen. „Du hast recht, wir nennen uns nicht Könige, wir sind Häuptlinge!“

Er hat eine donnernde Stimme, aber jetzt flüstert er, um meine Ohren zu schonen. „Willkommen im Land der Riesen! Wir sind glücklich, endlich wieder Besuch von einem Menschen zu haben. Die Menschen glauben, wir sind Märchenfiguren, aber das ist Unsinn. Uns gibt es! Wir führen ein lustiges Leben, du kannst gern bleiben und mitmachen!“ Ich lehne danken ab, denn ich habe noch viele andere Aufgaben.

„Wir möchten dich zum Essen einladen, hast du Appetit?“

Die Frau steht auf. Sie trägt eine Schürze und ist wie alle meine Gastgeber konventionell gekleidet. Sie müssen nicht modische oder elegante Kleider tragen, sie schauen ins Herz, das ist für sie wichtiger. Wer vor ihnen besteht, kann alles von ihnen bekommen – nur kein Gold, das verdirbt den Charakter.

Die Riesin bringt Schüsseln voller Beeren, eine Schüssel mit Milch und eine winzige mit Zucker.

„Zucker ist knapp bei uns. In den Bergen wächst nichts, woraus wir Zucker machen können. Könnt ihr uns welchen liefern?“

„Ich werde es versuchen.“

„Das wäre prima.“

Wir Riesen sind friedliche Wesen. Wir haben vor langer Zeit mit den Menschen gewohnt und uns angewöhnt, ‚Menschen‘ zu uns zu sagen.“

„Damals haben wir zusammengelebt, gelacht, gearbeitet, doch dann wurden wir euch unbequem. Wir haben mit unseren großen Füssen zu viel kaputt gemacht, sagtet ihr. Ihr habt etwas gebaut und wir sind aus Versehen darauf getreten. Warum baut ihr auch so viel? Das Land muss nicht mit Häusern, Straßen und was weiß ich bebaut werden. Ihr macht damit das Land kaputt. Die Erde kann nicht mehr atmen.“

„Ihr habt ständig auf uns geschimpft und irgendwann habt ihr uns nicht mehr gesehen. Wir haben gerufen, aber ihr habt uns nicht gehört. Dann habt ihr vergessen, dass es uns gibt. Für euch waren wir nicht mehr da. Daraufhin sind wir gegangen. Ungeliebt und vergessen mögen wir nicht mit den Menschen leben. Wir sind ins Hochgebirge gezogen. Hier haben wir unsere Ruhe, und wenn wir etwas zertreten, freut sich Mutter Natur, weil sich dort der Wald verjüngen kann.“

„Wir würden ab und zu gern mit Menschen reden. Es war lustig mit ihnen und wir haben ihnen geholfen. Wir haben die schweren Arbeiten erledigt. Wo die Menschen 17, 18 Leute brauchten, haben wir den kleinen Finger genommen. Es hat Spaß gemacht zu helfen, wir sind die geborenen Helfer, aber keiner ruft uns mehr. Es ist auch so eng geworden bei euch, ihr lebt nicht mehr natürlich. Nein, es macht keinen Spaß mehr. Aber ich freue mich, wenn jemand wie du kommt, der offen ist. Schmecken dir die Beeren?“

„Ja, sehr lecker.“

Meine Begleiter essen auch von den Beeren. Es ist ein kleines Fest mit den Riesen. Der große Weiße ist so freundlich, er hat eine wunderbare Ausstrahlung, etwas Gelassenes, Fröhliches

„Wir möchten, dass ihr den Menschen erzählt, dass es uns immer noch gibt in der anderen Welt und auf der Erde. Ein paar von uns leben versteckt in den Bergen, aber der Yeti und der Bigfoot sind keine Riesen. Wir sind anders, wir wandern und haben keinen festen Wohnsitz. Wir sind ständig unterwegs im Auftrag von Mutter Natur. Wenn es einen Bereich gib, der verjüngt werden muss, ruft sie uns und wir ziehen dort hin. Wir zerbrechen das Holz und die Steine, damit sich alles verjüngen kann. Manchmal stauen wir Flüsse, dann bringt das Wasser Fruchtbarkeit, wo vorher keine war. Wir sind die Baumeister von Mutter Erde. Sie lenkt uns zusammen mit unserem Elb. Doch es ist einsam um uns geworden. Dabei lieben wir die Gesellschaft, die Fröhlichkeit …“

Nachdem wir das köstliche Bier der Riesen probieren durften, erhoben sich die Riesen von ihren Steinsitzen und fassten sich an den Händen. Sie tanzten einen Reigen, so dass die Erde bebte. Sie öffneten den Kreis und luden uns ein, mitzumachen. Meine Begleiter und ich bildeten einen Kreis in der Mitte und tanzten ebenfalls. Die Riesen sind wirklich ein reizendes Volk.

Der Tanz endete, der Kreis öffnete sich. „Es war schön, euch zu sehen, aber jetzt müsst ihr gehen“, verabschiedet uns der Häuptling. „Der Besuch hat uns angestrengt, wir sind müde und möchten eine Runde schlafen. Mutter Natur hat wieder einen Auftrag für uns, wir müssen zudem die anderen Gruppen besuchen und ihnen die Wanderstäbe bringen. Wenn ihr wiederkommt, denkt bitte an den Zucker, und wenn es nicht unbescheiden ist, ein wenig Salz.“

 Teile des Textes wurden auszugsweise dem Buch „Elfen, Götter, Feuergeister“ entnommen.

Bei einem Urlaub in Griechenland habe ich Riesen fotografiert, aber sie sind so schwer zu erkennen, dass ich von einer Veröffentlichung des Fotos absehe.

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