Luftgeister

Zitat der Luftgeister

Alles um uns herum ist Luft. Für uns ist sie so selbstverständlich, dass wir sie nur wahrnehmen, wenn sie uns Gerüche zuträgt oder als Sturm um unser Haus braust. Aber was wissen wir wirklich über Luft und Wind? Die Wissenschaft reduziert Luft auf chemische Formeln und Wind auf Luftdruckunterschiede zwischen Luftmassen.

Aufgrund meiner Reisen in die Naturreiche weiß ich mittlerweile, dass bei Naturereignissen auf der Erde die Naturgeister entscheidend mitwirken. Aber meine Wissbegierde ist noch lange nicht gestillt und deshalb habe ich mich gefreut, als sich nach den Meergeistern die Luftgeister bei mir meldeten und mich in ihr Reich einluden.

Wir sind in den Wolken, ein weiblicher Luftgeist ist zu uns getreten. Sie ist sehr groß – um nicht zu sagen lang – und sehr dünn. Alles an ihr ist weiß, der wallende Umhang, die Haut, die Gestalt – weiß wie die Schäfchenwolken, die bei schönem Wetter über den Himmel ziehen.

„Kommt, folgt mir oder wartet ihr auf weitere Begleiter?“

Als ob sie das Stichwort gegeben hätte, erscheinen meine Begleiter. Zum Schluss kommt noch ein Elb, den ich nicht kenne. Er ist groß und hat mittellange dunkle Haare. Er trägt einen dunklen Umhang mit gerüschtem Kragen, wie es im Mittelalter Mode war. Er verbeugt sich vor dem Luftgeist: „Liebe Freundin, lasse uns gemeinsam die Gäste führen.“

Die beiden sind ein ungleiches Paar. Sie ist sehr viel größer als er und fast so schlank wie eine Schlange. Der Boden, über den wir gehen, sieht aus wie Watte. Obwohl er einen dichten Eindruck macht, kann man hindurchsehen. Ich hätte erwartet, dass es in den Wolken feucht ist, aber rundherum ist es trocken.

Der Elb lacht: „Glaubst du wirklich, wo wir uns aufhalten, ist es feucht? Wir haben Magie, meine Liebe, und nutzen sie auch, um es uns gemütlich zu machen.“

Wir erreichen einen großen, runden Platz, der von Wolken umgeben ist und auf dem sich zahlreiche Luftgeister aufhalten. Sie sind weiß und haben den wellenförmigen Körper einer sich am Boden windenden Schlange. An den Gestalten ist alles lang, auch die Gesichter, Augen, Nase, Mund. Sie sehen dadurch nicht menschlich aus, aber der lange Kopf passt zu der Erscheinung.

Ich werde sie nachher fragen, warum sie so lang und dünn sind.

In der Mitte des Platzes strahlt ein großer, blauer Kristall eine ungeheure Energie aus. Um den Stein herum stehen Bänke aus Marmor, darauf sitzen ehrwürdig aussehende Luftwesen. Sie sind nicht reinweiß, sondern leicht grau – es ist das Grau des Alters. Sie sind nicht so schlangenartig und dünn wie die anderen Luftgeister und wirken dadurch würdevoll. Es ist angenehm, sich ihnen zu nähern, sie haben eine warme, liebevolle Ausstrahlung. Es sind zwölf Männer und Frauen. In der Mitte ist ein Paar, das der Chef zu sein scheint. Die beiden lachen herzlich:

„Nett, uns als Chef zu bezeichnen.“ Auch ich muss über diesen Ausrutscher lachen.

„Wir sind König und Königin der Luftgeister. Wir begrüßen euch in unserem Reich.“ Wir verneigen uns respektvoll und bedanken uns für die Einladung.

Aus dem Nichts erscheint eine Bank hinter uns. „Nehmt Platz“, fordert uns das Königspaar auf. Wir setzen uns ihm gegenüber, rechts von uns pulsiert der Kristall. „Das ist der blaue Kristall des Wetters, das wir beeinflussen. Wir sind nur für einen Teil des Wetters zuständig und der Kristall macht es uns leicht. Es gibt noch viele andere Kristalle, die miteinander vernetzt sind. Dies ist der Hauptkristall. Er gibt die Impulse an die anderen und die geben die Befehle an die Luftgeister weiter, die dafür sorgen, dass die Anordnungen ausgeführt werden. Unser Kristall bekommt seine Impulse von Mutter Erde und dem Wettergott, die füttern ihn, und wir führen aus, was er sagt.“

„Manchmal versuchen Kräfte, den Kristall zu manipulieren. Wir zwölf sind die Wächter, prüfen die Reinheit der Befehle und geben sie weiter. Unsere Chefs“, lachen sie, „um in deinem Sprachgebrauch zu bleiben, sind der Wettergott und Mutter Erde. Die beiden arbeiten Hand in Hand. Wenn Mutter Erde sagt, ‚ich brauche Regen‘, lässt der Wettergott es regnen, wenn sie sagt, ‚ich muss Wind haben‘, sorgt er für eine kräftige Brise, und wenn du sagst, ‚ich brauche heute keinen Regen beim Spaziergang‘, versucht er, auch das einzurichten, nicht wahr, Renate?“

„Ja, das stimmt.“ Wir alle lachen.

„Der Wettergott lädt euch ein, ihn zu besuchen.“ Ich freue mich über diese Einladung, denn ich bin ihm zu Dank verpflichtet.

„Wie gesagt, wir sind für einen Teil des Wetters zuständig, für den Wind und den Regen.“ „Und den Schnee?“, möchte ich wissen. „Für alles, was von oben kommt, auch den Eisregen und Hagel. Es geht nicht ohne uns. Wir formen die Wolken und pusten, damit sie übers Land ziehen. Manchmal greifen wir ein und helfen den Elementen. Wir sind viele, trotzdem werden wir von den meisten Menschen nicht wahrgenommen.“

„Habt ihr zu dem, was ihr bisher gehört habt, noch Fragen?“

„Ja, ich habe eine. Ich würde gern wissen, wie der Regen entsteht.“

„Ach Mädel, das hast du doch in der Schule gelernt“, antwortet der Luftgeist verschmitzt, „Wasser verdunstet, steigt auf in die Atmosphäre, kondensiert dort zu Wassertröpfchen, es bilden sich Wolken und wenn die Tröpfchen zu schwer werden, regnet es.“

„Ja, das habe ich in der Schule gelernt, aber wie ist es wirklich?“ Die Luftgeister lachen herzhaft über mein Misstrauen gegenüber der Wissenschaft.

„So ähnlich ist es, aber doch anders. Das Wasser verdunstet in der Tat, aber der Dunst würde höher steigen, wenn wir ihn nicht auffangen würden. Nur weil wir ihn stauen, können sich Wolken bilden. Die Atmosphäre ist dazu nicht in der Lage, auch wenn es behauptet wird. Unsere Aufgaben sind vielfältig: Wir fangen den Dunst auf, kühlen ihn ab bis sich Tröpfchen bilden und sammeln sie, damit sie nicht vorzeitig herunterfallen. Für das Sammeln haben wir die Wolken, das sind sozusagen unsere Eimer. Wenn die Eimer voll sind, um bei dem Bild zu bleiben, schieben wir sie dorthin, wo Mutter Erde es regnen lassen möchte. Wo das ist, hängt von den Jahreszeiten ab. Die Menschen brauchen etwas Verlässliches und das ist das Wetter zu den Jahreszeiten. Stellt euch vor, im Sommer schneit es oder im Winter habt ihr 30 Grad im Schatten, dann würdet ihr dumm gucken. Das geht nicht. Jede Region und jedes Land bekommt das Wetter, wie es im Jahreslauf sein muss.“

„Es macht dennoch Spaß, die Jahreszeiten durcheinanderzubringen. Wir haben ein paar verspielte Luftgeister hier, denen wir ab und zu einen kleinen Schelmenstreich erlauben, aber wir achten darauf, dass sie niemandem schaden. Wir möchten euch nicht schaden, auch wenn wir manchmal schwere Stürme senden, in denen Menschen verletzt werden oder sterben. Die Menschen wissen um die Stürme, wenn sie zum Beispiel in ein Hurrikan-Gebiet ziehen. Ihr habt doch so einen Spruch: ‚Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um‘. Es gibt auf eurem Planeten unsichtbare Wege, die wir ziehen, wenn ihr an diesen Wegen siedelt, können wir es nicht ändern. Wir haben unsere Aufgaben, Ziele und Weisungen. Wenn die Menschen die gefährdeten Gebiete kennen und dort dennoch Häuser bauen, sind sie einfach nur dumm.“

„Das waren sehr interessante Ausführungen, aber ich habe noch eine andere Frage. Paracelsus hat euch ‚Sylphen‘ genannt. Was hat es mit diesem Ausdruck auf sich?“

Die Luftgeister lachen. „Den Ausdruck hat Paracelsus erfunden, aber er ist nett und hört sich gut an. Es ist zwar nicht unser Name, aber wir akzeptieren ihn. Ihr könnt Sylphen zu uns sagen, weil ihr unseren wirklichen Namen nicht aussprechen könnt.“

„Wie alt werdet ihr?“

„Wir werden in etwa so alt wie das Feuer – viele Millionen Jahre. Wir sind sterblich und wollen es auch sein, denn Unsterblichkeit heißt, sich nicht weiterentwickeln zu können. Der Tod ist wie eine Erfrischung des Geistes, der Seele, der Aura – wie eine Reinigung. Darum ist er gut, selbst wenn wir nach eurem Maßstab sehr alt werden. Für uns spielt Zeit keine Rolle und wir gehen, wenn wir denken, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Die Entscheidung darüber trifft jeder Einzelne selbst.“

„Bitte nehmt mir die nächste Frage nicht übel, aber warum seid ihr so lang und dünn?“

„Wir können uns mit dieser Figur bequemer in den Wolken bewegen. Sofern wir durch eine Regenwolke gehen, ist der Widerstand nicht so groß. Wenn wir am Himmel schweben, kann man uns für Cirren halten, du weißt schon, diese langen Bänder oder Streifen, zu denen ihr auch Federwolken sagt. Wir wollen nicht, dass uns Menschen sehen, die noch nicht reif dafür sind, obwohl wir gern wieder von den Menschen akzeptiert werden möchten.“

„Gab es eine Zeit, in der ihr mit den Menschen zusammengearbeitet habt?“

„Im goldenen Zeitalter haben wir den Menschen in der Landwirtschaft geholfen. Wenn sie Wind brauchten, um das Korn zu bestäuben, haben wir Wind geschickt, wenn sie um Regen baten, haben wir die Wolken entleert, und wenn sie sich Eis wünschten, haben wir es frieren lassen. Wir haben Hand in Hand gearbeitet zum Vorteil der Menschen.“

„Warum wurde diese Zusammenarbeit beendet?“

„Weil die Menschen nicht mehr im Einklang mit Mutter Natur gearbeitet haben. Sie wollten zu Jahreszeiten, in denen nichts wächst, etwas anbauen und haben unsere Hilfe gefordert. Sie wollten mit den Produkten Handel treiben und Geld scheffeln, denn sie brauchten sie nicht, um ihren Hunger zu stillen. Wir haben aufgehört, auf ihre Bitten zu reagieren. Es gibt Naturgesetze, wie den Ablauf der Jahreszeiten, die wir nicht ändern – auch nicht, wenn Menschen darum bitten. Wir leben und arbeiten im Kreislauf der Natur.“

„Was stört euch an den Menschen am meisten?“

„Ich wollte es gerade ansprechen. Eure Luftverschmutzung macht uns das Leben schwer. Wir können manchmal kaum atmen, weil die Luft so dreckig ist. Wir müssen unsere Wolken putzen, damit sie weiß bleiben. Bei dem Dreck in der Luft wären sie normalerweise schwarz. Vielleicht sollten wir aufhören, sie zu reinigen, damit ihr das selbst seht.“

Er schaut mich nachdenklich an. „Auf die Idee war ich vorher noch nicht gekommen. Ich werde das in unserem Rat besprechen.“

„Es macht keinen Spaß, in der dreckigen Luft zu arbeiten. Aber wir sind die Naturwesen, auf die die Erde am wenigsten verzichten kann. Wenn es keinen Regen und Wind mehr gibt, werden Früchte nicht mehr bestäubt und die Erde verdorrt. Wir sind immens wichtig und ihr nehmt keinerlei Rücksicht.“

„Wenn ich an die Flugzeuge denke, graust es mich. Wir sind höher und höher gezogen, aber viel weiter nach oben können wir nicht ausweichen. Auch jenseits der Erdanziehungskraft seid ihr mit euren Fliegern unterwegs. Das ist schrecklich!“

„Wenn ein Vogel geflogen kommt, stört uns das nicht, er gehört zu uns, aber eure Flieger … Wer hat gesagt, dass der Mensch fliegen darf? Ihr braucht die Flugzeuge doch nur, damit alles schneller geht und ihr schneller Geld machen könnt. Die Wasserwesen werden natürlich sagen, ‚warum Schiffe?‘, aber Schiffe können segeln. Eure Segelflugzeuge finden wir lustig, aber die Motorflugzeuge schaden uns und euch.“

„Wir bemühen uns redlich, unsere Umgebung sauber zu halten, aber es ist zu viel, was ihr an Dreck in die Luft schleudert. Denke nur an den Rauch und die Dämpfe aus euren unzähligen Schornsteinen. Ihr müsstet ein paar Tage hier oben leben und würdet aufhören, diesen Dreck zu erzeugen. Auch die Luftverschmutzung durch eure Autos müsst ihr einschränken. Fahrt nicht zum Vergnügen, sondern nur, wenn es unbedingt sein muss.“

„Ihr auf der Erde bekommt nur einen Bruchteil dessen mit, was wirklich los ist. Es ist sogar schon vorgekommen, dass einer von uns krank wurde. Das darf nicht passieren! Was ihr an Dreck in die Luft pustet, bildet eine Schicht, die immer dicker wird. Irgendwann wird sie den Erdboden erreichen und dann werdet ihr euch wundern. Es wird keine reine Luft zum Atmen mehr geben, ihr werdet sterben. Haben eure Wissenschaftler das schon einmal gesagt?“

„Ich finde diese Aussicht traurig. Ich möchte nicht, dass die Menschen sterben. Ich mag diese Geschöpfe, sie sind so kreativ. Manche haben immer wieder neue Ideen und auch wir Luftwesen probieren gern etwas Neues aus. Wir lehnen die festgefahrenen Pfade ab, etwas Ungewöhnliches zu probieren ist die Essenz unseres Lebens. Darum passt du so gut zu uns, du probierst auch gern Neues aus. Ich finde schön, dass du den Mut hattest, zu uns zu kommen.“

„Hast du weitere Fragen?“

Ich konnte nicht mehr antworten, denn nach der Frage wurde ich von den Kräften des Bösen entführt. Merlin, El Morya und Brummel haben mich gefunden und gemeinsam wurden wir erst in letzter Sekunde von der Göttin Isis gerettet und zu den Luftgeistern zurückgebracht …

Meine Gastgeber sind aufgeregt und erleichtert, dass wir heil zurück sind. “Wir hoffen euch ist nichts passiert.“

„Nein, uns ist nichts passiert, außer, dass ich Angst hatte.“

„Das machen sie manchmal auch mit uns, sie holen sich einfach welche raus. Ihr hattet Glück, dass Isis euch gerettet hat, denn von dort ist nie jemand zurückgekommen.“ Mich schaudert es bei diesen Worten und ich gestehe, ich bin ziemlich mitgenommen.

„Wir hatten ein nettes Gespräch“, sagen die Luftgeister, „aber das war eben zu viel für euch. Lasst uns den Besuch beenden, aber ihr seid jederzeit willkommen. Ihr habt noch Fragen, die nicht gestellt wurden, und wir haben noch Antworten, die nicht gegeben wurden. Aber jetzt ist der Zeitpunkt schlecht gewählt.“

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